Angehörige

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Angehörige und Freunde sind für Krebspatienten, gerade in schweren Zeiten der Diagnose, Therapie oder des Rezidivs, eine wichtige Stütze. Doch es ist für sie nicht immer leicht den Betroffenen bestmöglich zu unterstützen und gleichzeitig sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren und auch über längere Dauer die nötige Stärke aufzubringen.

Angehörige befinden sich in einer Doppelrolle: sie sind Betroffene und Unterstützer zugleich.

Nachfolgend finden Sie Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten, um Patienten Halt geben zu können und gleichzeitig sich nicht selbst zu verlieren.

1. Betroffene und Unterstützer zugleich: Die Angehörigen

Mit der Diagnose beginnt für alle Beteiligten eine andere Zeit, nichts im Leben ist mehr „so, wie es war“. Zunächst steht die Organisation des Alltags im Vordergrund: Was ist alles zu tun? Was geht jetzt nicht mehr so wie früher? Wie ändern sich die Rollen in der Familie? Wie kommen wir mit der Krankheit und unseren Sorgen um den geliebten Menschen zurecht?

Auch Erinnerungen werden wach: möglicherweise relativieren sich Ihre bisherigen Probleme in der Rückschau oder Sie sehnen sich nach Ihrem alten Leben zurück. Wahrscheinlich nehmen Sie das jetzt anders wahr, denn jede Kleinigkeit ordnet sich viel offensichtlicher als früher in das große Ganze ein. Auch Ihr Blick nach vorn verändert sich, weil Sie nicht wissen, wie weit die gemeinsame Zukunft noch geht.

Die Diagnose Krebs bedeutet für Angehörige eine große emotionale und organisatorische Herausforderung. Gleichzeitig möchten die Angehörigen vor allem für den Patienten eine Stütze sein. Dabei behalten manche ihre eigenen Gefühle und Belastungen nicht im Auge und zur vermeintlichen Entlastung des Kranken sprechen sie nicht darüber. Aber auch Fremden gegenüber vermeiden manche Angehörige es, Unsicherheiten oder Hilflosigkeit zu zeigen. Sie haben das Gefühl, die Situation im Griff haben zu müssen. Doch gerade der Austausch mit anderen kann ihnen helfen. Gespräche mit Freunden, in Selbsthilfegruppen und mit Psychoonkologen sind einige Beispiele dafür, wie ein Angehöriger über seine eigene Situation und Belastungen sprechen und neue Kraft tanken kann. Insbesondere bringt die Mehrbelastung im Alltag viele an ihre Grenzen. Angehörige oder andere dem Erkrankten nahestehende Menschen müssen jedoch lernen, ihre Kräfte realistisch einzuschätzen und sich nicht zu überfordern. Dazu zählt auch, sich persönliche Auszeiten zu nehmen. Nur so können Sie auf Dauer eine wirkliche Stütze für den Patienten sein. Sie sollten sich deshalb auch nicht scheuen, Freunde und Bekannte, die helfen wollen, mit einzubinden. Zwei Schultern alleine können in aller Regel diese Situation nicht tragen. Über die Unterstützung von Freunden hinaus gibt es spezielle Erholungs- und Reha-Angebote für Angehörige von Krebspatienten.

Die Krebserkrankung ist für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation.

Wer sind die Angehörigen?

Angehörige, Zugehörige, Familie, Freunde, Bekannte, Bezugspersonen, Kinder, Eltern, Schwestern, Brüder, Kollegen

Was bedeutet die Diagnose Krebs für die Angehörigen?

  • die Diagnose löst auch beim Angehörigen einen Schock aus
  • die Angehörigen durchleben ein ähnliches Gefühlschaos wie der Patient selbst
  • die Angehörigen fühlen sich oft hilflos, ohnmächtig, unsicher
  • bedeutet für die Angehörigen eine große emotionale und organisatorische Herausforderung
  • es braucht Zeit, sich zu sammeln und fähig zu werden, Aktivität gegen Passivität zu tausche

--> die Diagnose und Zeit der Krankheit sind für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation!

 

 

2. Mit der Krise umgehen lernen

Die Diagnose Krebs ist für alle, sowohl für den Patienten als auch für dessen Angehörige, ein Schock. Möglicherweise fühlen Sie sich „wie gelähmt“ und sind überfordert mit der neuen Situation. Die Diagnose und die damit verbundenen Gefühle müssen erst einmal verkraftet werden. Dafür ist es ratsam, gemeinsam mit dem Patienten die Situation in Ruhe zu betrachten.

Machen Sie sich dabei klar, dass die Krankheit von allen Beteiligten auf 3 Ebenen verarbeitet wird: die Problemebene umfasst die Zeit der Behandlung und die damit verbundene Alltagsorganisation sowohl vom Patienten als auch von den Angehörigen. Zudem wird die Krankheit auf der Gefühlsebene mit ganz unterschiedlichen Gefühlen von Angst über Verzweiflung bis zu Trauer verarbeitet. Schließlich spielt auch die Sinnebene eine wesentliche Rolle. Man fragt sich vielleicht: „Warum trifft uns das ausgerechnet?“. Zu der Krankheitsverarbeitung gehören für jeden Beteiligten also auch eine neue Ziel- und Wertorientierung.

Innerhalb der Familie können sich Patienten und Angehörige gegenseitig unterstützen und sollten die Veränderungen für alle im Leben gemeinsam angehen. Dafür sollten Sie miteinander sprechen und mit dem Patienten überlegen:

  • "Was stärkt uns jetzt?“
  • "Was wünschen wir uns vom anderen?“
  • "Wo haben wir bisher positive Erfahrung zusammen gemacht?“
  • "Wann fühlen wir uns überfordert?“

Genauso kann die Diagnose Krebs zu einer großen Belastung für die Familie werden. Wenn Sie alle zusammen feststellen:

  • „Wir sind uns in Krisen wenig hilfreich. Wir ziehen uns gegenseitig immer wieder runter. Wir sind meistens enttäuscht vom Verhalten des anderen....,“,

dann können Sie sich Unterstützung von außen holen.

Grundsätzlich sollte jeder, Patient wie Angehöriger, eine Strategie für sich selbst entwickeln und sich dabei überlegen:

  •   „...in welchen Situationen fühle ich mich überfordert?“

Dabei hilft es, kritische Punkte zu notieren und ganz konkret zu überlegen:

  • „Welche Hilfe wäre für mich grundsätzlich sinnvoll?“
  • „Wo bekomme ich die notwendige Unterstützung?“
  • Wo fühle ich mich alleingelassen?“
  •  „Wem kann ich mich anvertrauen?“
  • "Mit wem konnte ich früher über Probleme gut sprechen?“
  • „Wer wirkt auf mich so offen, dass ich Kontakt aufnehmen kann?“

Wenn Sie die Krise über Ihre Familie oder Ihren Freundeskreis hinaus verarbeiten möchten, finden Sie neutrale, außenstehende Personen, die Ihnen jetzt helfen können, in Krebsberatungsstellen, Angehörigengruppen und psychoonkologischen Diensten.

Dafür können wir Ihnen insbesondere folgende Adressen empfehlen:

  • für eine Zweitmeinung zur Diagnose und Therapie: Charité Comprehensive Cancer Center, Vivantes Tumorlotsen
  • Krebsberatungsstellen: Berliner Krebsgesellschaft, Krebsberatung Berlin, Beratungsstellen der Gesundheitsämter
  • für weitere Infos: Krebsinformationsdienst, Deutsche Krebshilfe
  • Selbsthilfegruppen: Infos über BKG, CCCC u.a.

3. Helfen, aber wie?

Jeder Angehörige möchte eine gute Stütze für die erkrankte Person sein. Viele Angehörige fühlen sich zunächst damit überfordert, welche Art von Unterstützung nun am besten ist. Machen Sie sich folgendes bewusst: zu Beginn ist der Patient selber so geschockt, dass er meist gar keine Vorstellung bzw. Erwartungshaltung hat, wie Sie als Angehöriger nun helfen können!

Dies hier sind unsere konkreten Tipps dafür, wie Sie Ihren Angehörigen bei der Krankheitsbewältigung helfen können:

  • Fragen statt Raten:

Psychoonkologen raten Angehörigen, Patienten immer wieder zu fragen: "Was brauchst Du?", oder "Was kann ich für Dich tun?". Die eigene Unsicherheit zu zeigen, ist dabei keine Schwäche. So unterschiedlich die Beziehungen sind, die Menschen zueinander haben, so unterschiedlich kann auch die Unterstützung sein, die sie sich bieten.

  • Anteilnahme:

Angehörige und Freunde ziehen sich mitunter zurück, weil sie sich fürchten, etwas falsch zu machen. Den meisten Menschen geht es aber besser, wenn sie wissen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Es ist im Zweifelsfall gar nicht so wichtig, was man als Nahestehender sagt. Wichtiger ist, dass man da ist, Anteilnahme zeigt und Zuwendung anbietet.

  • Informationen:

Nahestehende Menschen können Patienten bei der Informationssuche unterstützen. Das heißt nicht, dass man Betroffenen seine eigene Meinung oder die eigenen Erfahrungen aufdrängen sollte. Man kann jedoch dabei helfen, Fakten zu sammeln, diese einzuschätzen und sich neu zu orientieren. Informationen können auch gegen Ängste helfen, die Angehörige und Freunde selbst haben.

  • Selbstbestimmtheit:

Auch wenn es manchmal länger dauert oder nicht so gut klappt - Angehörige sollten nicht ohne Rückfrage für Betroffene handeln oder über ihren Kopf hinweg Entscheidungen treffen. Langfristig profitieren Patienten oft davon, wenn ihnen nicht alle Aufgaben abgenommen werden. Psychoonkologen raten, Patienten möglichst wie gewohnt in Entscheidungen der Familie oder des Freundeskreises mit einzubeziehen.

  • Grenzen respektieren und achten:

Das gilt sowohl für den Patienten als auch für den Angehörigen. Jeder sollte für sich reflektieren:

  • „Was kann ich?“, „Was will ich?“, Was brauche ich?“
  • „Was ist mir zu viel?“, „Wo brauche ich Hilfe...?“
  • Helfen, neue Ziele und neuen Sinn zu finden

Zur Krankheitsbewältigung kann es auch notwendig sein, einen (neuen) Sinn für sich zu finden – sowohl für Sie als Angehörigen als auch für den Erkrankten. Als Angehöriger können Sie selbst für den Patienten in jeder Krankheitsphase eine wichtige Sinnquelle sein.

Unsere Tipps für die Bewältigung der existenziellen Ebene bei der Krankheitsbewältigung:

  • Unterstützen Sie Ihren Angehörigen, auch andere Sinn-Quellen zu nutzen, wie Spiritualität, Religion, Philosophie, Kunst u. a. 
  • Planen Sie gemeinsam mit dem Patienten für die (nahe) Zukunft.
  • Reden Sie mit ihm über (gemeinsame) frühere Erlebnisse.

Grundsätzlich sollten Sie folgendes beachten: achten Sie bitte darauf, den Erkrankten nicht mit – meist gut gemeinten – Ratschlägen, Informationen oder Mahnungen zu „überschütten“ bzw. von ihm schnelle Lebensänderungen abzuverlangen. Oft sind gerade diese Aussagen Zeichen für eigene Angst und Unsicherheit und lösen beim Erkrankten eine belastende Unsicherheit aus.

4. Miteinander reden

Den „richtigen“ Moment erwischen

In Krisenzeiten stehen alle Beteiligten unter Druck: Manchmal poltern Angehörige ihre Wünsche und Sorgen heraus, weil sie sich nicht besser zu helfen wissen. Andere wollen den Patienten und die Familie schonen und warten ewig auf die passende Gelegenheit. Damit ist aber niemandem geholfen, denn gewisse Dinge müssen geregelt werden – und zwar möglichst im besten Einvernehmen.

Der „richtige“ Moment ist dann erreicht, wenn Ihnen das Thema durch den Kopf geht. Spätestens, wenn Ihre Gedanken ständig um eine Frage oder ein Problem kreisen und Ihnen den Schlaf rauben.

Günstig ist es, das Gespräch einzuleiten, sobald Sie innerlich dazu bereit sind und Ihr Ansprechpartner stabil wirkt. Geben Sie sich einen Ruck und tasten Sie sich vorsichtig an die

Sache heran. Fällt Ihr Ansinnen trotz behutsam formulierter Signale nicht auf fruchtbaren Boden, starten Sie später einen weiteren Anlauf. Die Erfahrung zeigt: Hat sich die Tür erst einmal einen Spalt geöffnet, fühlt sich Ihr Gegenüber ermutigt, den Kopf durchzustecken und auf Sie zuzugehen.

Dinge, die es in Partnerschaften bei Erkrankung des Partners zu beachten gilt:

Partner können ganz ähnliche Stressantworten auf die Diagnose Ihres Partners erleben, manchmal mit geringerer Intensität, manchmal auch im gleichen Ausmaß wie die betroffenen Partner selbst. Der Umgang mit Stress, der durch die Diagnose „Krebs“ ausgelöst wird, ist nicht immer einfach – sowohl als Einzelperson als auch als Paar.

Personen, deren Partner mit Krebs diagnostiziert wurden, fühlen sich häufig verloren und hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie ihren Partner unterstützen können. Sie sind besorgt, dass sie das Falsche sagen oder tun könnten. Außerdem erleben sie häufig selber Ängste und Sorgen. Das heißt, Sie als Partner nehmen eine Doppelrolle in diesem Unterstützungsprozess ein: Zum einen unterstützen Sie Ihren erkrankten Partner (Lieferant von Unterstützung), zum anderen sind Sie aber auch selber belastet und benötigen vielleicht Unterstützung (Empfänger von Unterstützung).

Die partnerschaftliche Unterstützung trägt dazu bei, dass Sie beide Wege kennen lernen, um sich effektiv emotional und praktisch zu unterstützen, so dass Sie sich weniger gestresst fühlen und diese stressreiche Zeit gemeinsam meistern können. Wenn dies gelingt, führt es zu einer Verringerung des Stressempfindens bei Ihnen beiden und Sie wachsen als Paar ein (weiteres) Stück zusammen.

Grundsätzliche Tipps von für ein effektives Gespräch miteinander:

  • Überlegen Sie sich zunächst:

Wann und wo können Sie Ihr Thema am besten anbringen?

Wie drücken Sie sich am besten aus?

Wie können Sie sicher sein, dass der andere genau das verstanden hat, was Sie gemeint haben?

  • Vermeiden Sie zu viele gut gemeinte Ratschläge!
  • Auch wenn es schwerfällt: Achten Sie darauf, sich nicht vom Erkrankten zurückzuziehen und Wesentliches für sich zu behalten. Senden Sie dabei sogenannte ICH-Botschaften.

Die Kommunikation zwischen Menschen ist deshalb kompliziert, weil das Gemeinte, das Gesagte und das Wahrgenommene übereinstimmen müssen. Ansonsten kommt es zu Missverständnissen. Ungewohnt mag es sein, schwierige Gesprächsthemen in der Ich-Form einzuleiten. Der Vorteil: Sie sprechen tatsächlich nur von sich und lassen den anderen in Ihr Herz und Ihre Seele blicken – ohne irgendwelche Vorwürfe, die oft unbedacht in der Du-Form ausgedrückt werden und verletzend wirken können.

Beispiele:

  • „Mich würde es sehr beruhigen, wenn ich wüsste, wie ...“
  • „Ich würde mir wünschen, dass wir über ... sprechen könnten."
  • „Ich frage mich, ob du dich auch manchmal fragst, ob ...“
  • „Ich weiß, dass es merkwürdig klingt, aber ...“
  • „Ich fühle mich ... Geht es dir auch so?“

Im Verlauf des Gesprächs hilft es, wenn Sie über sich sprechen und sagen:

  • „Ich möchte ...“, „Ich denke ...“ oder „Ich fühle mich ...“.

Damit drücken Sie Ihre persönliche Haltung aus und verstecken sich nicht hinter abstrakten Formulierungen.

5. Wir schweigen meist, obwohl ich gerne reden würde...

In unserer lauten Welt ist es sehr erholsam, wenn es still wird und Ruhe einkehrt. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Dieses Sprichwort trifft nur dann den Kern der Sache, wenn zwei Menschen sich darin einig sind. Schwierig wird es...

  • ...wenn einer reden möchte, der andere aber nicht.
  • ...wenn beide schweigen, weil sie einander schonen wollen, und sich deshalb voneinander entfernen.
  • ...wenn beide über ein heikles Thema reden möchten, aber keiner traut sich, den Anfang zu machen.

Grundsätzlich ist es dann ratsam, zunächst den Rückzug des Anderen zu akzeptieren und ihm Zeit zu geben, um dann wieder in Kontakt zu kommen.

Hier einige Tipps dafür:

  • Den Rückzug akzeptieren

Für Angehörige ist es meist nicht leicht zu ertragen, wenn sich der Patient oder enge Familienmitglieder zeitweilig zurückziehen. Bevor Sie sich unnötig grämen, weil Sie sich vielleicht abgelehnt und ausgeschlossen fühlen, wäre zu bedenken, dass es auch anders sein könnte: angesichts der Krankheit und der Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, brauchen manche Menschen eine längere Auszeit als Sie – dann sollten Sie den Rückzug akzeptieren.

  • Wieder in Kontakt kommen

Wenn es Ihnen nicht gut damit geht, dass sich der Patient oder Ihre Verwandten tagelang zurückziehen, obwohl es wichtige Dinge zu besprechen gäbe, könnten Sie die Tür vorsichtig öffnen, indem Sie sagen:

„Ich beobachte, dass es dir nicht gut geht ..., dass dich etwas beschäftigt ..., dass du dich zurückziehst. Magst du mir sagen, was dich bedrückt?“.

Wenn die Antwort nein lautet, könnten Sie sagen, dass Ihnen das, was Sie sehen, Sorgen bereitet, und fragen, wann es ein guter Zeitpunkt wäre, darüber zu sprechen.

„Ich würde gern etwas fragen.“

Oder:

 „Mir liegt etwas auf dem Herzen, was ich dir gern erzählen würde.“

Und dann:

„Aber ich weiß nicht, wann der richtige Moment dafür wäre.“

„Ich merke, dass es uns schwerfällt, hier und jetzt miteinander zu reden. Wie wäre es, wenn wir zum Zeitpunkt X an den Ort Y gehen würden? Vielleicht ist es dann für uns leichter.“

6. Schwierige Themen und Tabus

Möglicherweise beschäftigen Sie als Angehöriger zum Zeitpunkt der Diagnose Krebs und während der Erkrankung des Patienten Gedanken wie die folgenden:

„Was ist, wenn der Erkrankte in eine medizinische Notsituation kommt?“

„Eigentlich wollte ich mich gerade von ihr trennen...“

„Mein Mann ist nun plötzlich auf häusliche Pflege angewiesen, aber ich möchte das nicht machen....“

„Nie bekomme ich ein Danke...es scheint so selbstverständlich....“

„Meine Tochter möchte zu Hause sterben aber ich kann oder weiß nicht, ob ich das leisten kann und will?“

Solche schwierigen Themen und vermeintliche Tabus anzusprechen, mag schwierig erscheinen. Machen Sie sich dabei immer bewusst: DEN richtigen Zeitpunkt gibt es selten bis nie! Der richtige Zeitpunkt ist: JETZT.

Die Phase der Erkrankung stellt für den Patienten und Sie eine sensible Phase dar. Möglicherweise beschäftigen Sie Themen, die Ihnen unangenehm sind, und bei denen Sie sich zunächst nicht trauen, sie anzusprechen. Grundsätzlich gilt: vermeiden Sie Konflikte, aber nicht schwierige Themen. Nehmen Sie sich für ein Gespräch über das, was Sie beschäftigt, mit Ihrem Angehörigen gezielt Zeit. Bemühen Sie sich dabei auch, den Standpunkt des anderen zu verstehen.

Sie können im Gespräch die Problemlösetechnik  (nach D'Zurilla und Goldfried)anwenden:

  1. Definition des Problems
  2. Lösungen suchen (Brainstorming)
  3. Lösungsversuch auswählen
  4. Durchführen (konkret planen, Schritt für Schritt)
  5. Erfolg überprüfen

Wenn Sie sich in einem Thema doch nicht einig sind, können Konflikte die Folge sein.

Diese Tipps helfen Ihnen im Umgang mit Konflikten mit Ihrem Angehörigen:

  • Klären Sie in einer ruhigen Situation, wie Sie im Falle eines Streits mit dem Konflikt umgehen wollen: zum Beispiel können Sie bei heftigem Streit (bei dem es laut wird und Beleidigungen fallen, etc.) abbrechen und für 30 Min. eine Gesprächspause einlegen. Laufen Sie dann zum Beispiel alleine um den Block. Wenn jeder sich beruhigt hat, kann man wieder besser miteinander reden.
  • In einer Partnerschaft kann es zwischen den beiden Partner zu einem sogenannten „Zwangsprozess“ (Teufelskreis gegenseitiger Bestrafungen) (nach Patterson und Reid, 1970) kommen. Dieser Zwangsprozess kann z. B. so ablaufen: Partner A ist mit dem Verhalten von Partner B unzufrieden und versucht, ihn zu verändern durch "Bestrafungen" (z.B. Nörgeln, Kritisieren, Drohen, Schreihen, Weinen oder auch Entzug von positiven Interaktionen, wie Zärtlichkeiten, Komplimente, Sex etc.) Dies führt in der Folge dazu, dass Partner B ebenfalls solche Strategien (Bestrafungen) verwendet, um sich gegen Partner A durchzusetzen. In der Folge finden in der Partnerschaft immer mehr negative Interaktionen (Streiten, Kritisieren, Nettigkeiten verweigern, Schweigen, etc.) und weniger positive und schöne Ereignisse (Zärtlichkeiten, sich Helfen, gemeinsame Gespräche oder Freude) statt. Dies kann letztlich auch zur Trennung führen.
  • Um Beziehungsprobleme durch Zwangsprozesse zu vermeiden, empfiehlt der amerikanische Paartherapeut John Gottmann folgende Regel zu beachten: Das Verhältnis von positiven zu negativen Rückmeldungen sollte mindestens 5 : 1  sein (Gottman-Konstante). Also auf eine negative Interaktion (z. B. Streit) sollten mind. 5 positive Interaktionen folgen.

7. Ich habe Angst! - Was hilft?

Zunächst einmal: Angst ist eine normale Reaktion auf eine bedrohlich erlebte Situation. Wer sich um einen kranken Menschen sorgt, kommt immer wieder in Situationen, die Angst machen und ausweglos erscheinen. Körper und Seele reagieren auf den Stress und versetzen die Angehörigen in Alarmbereitschaft.

Zu solchen Reaktionen bleibt jedoch im Alltag kaum Zeit, so dass viele Beteiligte versuchen, ihre Ängste zu unterdrücken. Doch wie Sie sicherlich auch wissen: Das funktioniert auf Dauer nicht.

Ihre Gedanken kreisen möglicherweise tagsüber und manchmal in schlaflosen Nächten um diese existenziellen Sorgen:

  • Verlustangst: „Wie kann jemals die Lücke geschlossen werden, die der geliebte Mensch hinterlässt?“
  • Existenzangst: „Haben wir genug Mittel, um Notzeiten zu überstehen?“
  • Zukunftsangst: „Wie wird das Leben für mich weitergehen?“

Solche Ängste sind verständlich. Damit sie aber nicht übermächtig werden, tut es gut, mit vertrauten Menschen offen darüber zu sprechen. Auch Informationen können oft bereits helfen.

8. Auf sich selbst achten - Auf die eigenen Bedürfnisse hören

Oft sind Helfer willens, sich selbst zu verausgaben. Langfristig ist damit aber selten etwas gewonnen weder für sie selbst noch für den Patienten. Auch wenn der Alltag sich für Sie verändert, ist es wichtig, dass Sie darauf achten, dass „das Mehr“ an übernommenen Aufgaben auch wieder einen Ausgleich mit sich bringt. Damit Angehörige in der Lage sind, Krebspatienten zu unterstützen, ist es notwendig, dass sie sich auch um sich selbst kümmern.

Was kann dazu beitragen? Überlegen Sie, was Sie brauchen und was Ihre persönliche Lebensqualität steigert:

  • Sich selbst eine Pause gönnen - selbst wenn es nur ein kurzer Spaziergang ist.
  • Wem es schwer fällt, Pausen in den Tagesverlauf einzubauen, kann sich wenigstens andere Belohnungen genehmigen: Die Lieblingssendung im Fernsehen sehen, ein Bad nehmen, ein gutes Buch am Abend lesen.
  • etwas machen, was Spaß macht: ins Kino gehen, Freunde treffen, bummeln
  • Entspannung, Stressreduktion, Achtsamkeit. --> Ein Tipp von unserer Seite: Die TK bietet auf ihrer Website Atementspannungen zum Download an.
  • Aufgaben wieder abgeben
  • psychotherapeutische Hilfe aufsuchen
  • mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten ...

Vielleicht haben Sie Schuldgefühle, wenn Sie es sich gut gehen lassen, obwohl es dem Angehörigen schlecht geht. Vielleicht werden Sie auch manchmal einfach zornig und sehr wütend auf den Erkrankten, der Sie „abhält“, Ihren normalen Lebensalltag zu genießen. Wut und Zorn, Schuld, Ohnmacht und Hilfosigkeit sind häufig erlebte Gefühle von Angehörigen. Werden Sie sich dieser Gefühle bewusst, es ist ganz natürlich und verständlich, so zu empfinden. Gönnen Sie sich Atempausen, sonst kann es zu einer heftigen körperlichen und psychischen Reaktion kommen, wie z. B. dem Burn-out-Syndrom. Niemand kann und soll ständig auf Hochtouren laufen, jeder braucht Pausen, um neue Energien zu tanken.

Und nach Abschluss der Therapie…:

Geben Sie sich auch nach Abschluss der Therapie Zeit zur Regeneration. Sie haben viel hinter sich gebracht – es dauert seine Zeit, bis Sie wieder zu Kräften kommen. Achten Sie gut darauf, was Sie in dieser Zeit brauchen. Auch Erschöpfungszustände sind ganz normal. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie sich unwohl fühlen, obwohl doch alles gut gelaufen ist.

Was die Interaktion mit dem Angehörigen angeht: verlangen Sie nicht „zu viel“ vom Erkrankten nach dem Ende der Behandlungen und setzen Sie ihn mit Ihrer hohen Erwartungshaltung nicht unter Druck. Lassen Sie dem Patienten genügend Zeit, nach der schweren Zeit der Behandlungen und Belastungen wieder zu sich zurückzufinden. Ängste vor dem Wiederauftreten der Erkrankung (Progredienzängste) sind häufig– sprechen Sie darüber, und achten Sie im Besonderen darauf, was in den Tagen vor der Kontrolluntersuchung zur Beruhigung und Distanzierung beiträgt.

9. Wer unterstützt mich? - Hilfe von anderen: Angehörige dürfen Unterstützung annehmen

Die Betreuung eines Krebskranken kann viel Zeit und Kraft in Anspruch nehmen. Berufliche und private Verpflichtungen bleiben für Angehörige oder nahe Freunde aber trotzdem bestehen. Nicht selten nehmen sie sogar zu, beispielsweise wenn in einer Familie bisher zwei verdient haben, und nun der gesunde Partner allein für die finanzielle Sicherheit sorgen muss. Eigene Interessen können ebenso zu kurz kommen wie Gelegenheiten zur Entspannung. Das kann Angehörige überfordern. Sie sollten deshalb nicht alles allein schultern wollen.

Spätestens, wenn die Anforderungen des Alltags aufgrund der seelischen Belastung über Wochen hinweg nicht bewältigt werden können, sollte man über professionelle Hilfe nachdenken.

Anzeichen erhöhter Belastung können zum Beispiel sein:

  • Konzentrationsstörungen
  • Niedergeschlagenheit
  • Angstgefühle
  • Reizbarkeit, innere Unruhe oder andauerndes Grübeln
  • Aber auch körperliche Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Müdigkeit oder Rückenschmerzen

Diese Möglichkeiten der Unterstützung für Sie gibt es:

  • Aufgaben an hilfsbereite Menschen übertragen

Das kann mehrere Vorteile haben. Auch die anderen miteinbezogenen Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn können ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen und fühlen sich weniger hilflos. Bei der Überlegung, wer welche Aufgaben übernehmen könnte, sollten Patienten aber einbezogen werden.

  • Beratungsangebote (psychoonkologische, psychologische, Kliniksozialdienste) während des stationären Aufenthalts des Patienten

Beratungsgespräche geben Raum für Wünsche, Gefühle und Eindrücke, die sonst zurückgehalten werden. Dieses Zurückhalten kann belasten. Schon darüber zu sprechen, hilft oft.

Dort kennt man die Auswirkungen von Krebserkrankungen. Berater bieten die Gelegenheit zu Gesprächen, einzeln oder in Gruppen. Sie können sich mit Menschen, denen es ähnlich geht, austauschen.

  • Selbsthilfegruppen für Angehörige finden Sie zum Beispiel bei der Krebsberatung Berlin (Link auf den Namen setzten) oder der Berliner Krebsgesellschaft (Link auf den Namen setzen
  • Niedergelassene Psychotherapeuten mit psychoonkologischer Zusatzausbildung aufsuchen

Eine Psychotherapeutenliste finden Sie unter www.tzb.de.

  • Für Menschen, die die häusliche Krankenpflege eines Patienten übernehmen wollen, gibt es Unterstützungsangebote, zum Beispiel in Form von Kursen.

Interessierte finden Hinweise zum Beispiel über ihre Kranken- und Pflegekassen.

  • Wenn Belastungen eher die zwischenmenschliche Situation betreffen, können auch Paar- und Lebensberatungsstellen eine geeignete Anlaufstelle sein.

Diese Angebote sind in der Regel kostenlos. Sie werden von Trägern wie Kommunen, Kirchen, Vereinen oder Sozialverbänden angeboten.

  • Darüber hinaus können für Angehörige praktische Fragen entstehen: Auf welche Leistungen hat man Anspruch, wie lassen sich Beruf und Pflege in Einklang bringen?

Ansprechpartner dafür nennt der Krebsinformationsdienst unter "Adressen und Links: Sozialrechtliche Fragen bei Krebs".

Hilfe bei der Pflege bieten:

  • Sozialdienste in den Kliniken
  • Gesundheitsämter in den Bezirken
  • Pflegestützpunkte
  • Ambulante Hospizdienste
  • Unabhängige Patientenvertretung
  • Kranken- und Pflegekassen

Ein Tipp von unserer Seite:

Auf unserer Website https://haema-cbf.charite.de/?id=5166

finden Sie Infos und Links zu verschiedensten Broschüren und wenn Sie keinen Zugang zum Internet haben, ist das vielleicht eine erste gute Gelegenheit, um im Umfeld um Unterstützung zu bitten! Jeder kennt bestimmt jemanden, der online gehen kann.

10. Leben leben - trotz Krebs!

Und nun zum Schluss möchten wir Ihnen mit auf den Weg geben: akzeptieren Sie, dass das Leben Wandel heißt.

Krebspatienten sind nicht nur krank. Es kann allen Beteiligten gut tun, wenn sie der Erkrankung nicht mehr Raum als nötig geben.  Sie als Angehöriger können dazu beitragen, dass sich Patienten ihren gesunden Seiten zuwenden. Wenn Angehörige und Patienten miteinander über gute Zeiten sprechen, kann das Kraft geben und von der augenblicklichen Last befreien.  

Nichts bleibt. Gutes kommt und geht, Schlechtes kommt und geht. Natürlich wollen wir alles Unangenehme vermeiden … doch ein realistischeres Ziel ist: lernen, mit dem Unangenehmen und Unvermeidlichen besser umzugehen.

Weitere hilfreiche Informationen von unserer Seite...

... finden Sie auch in unserer Broschüre "Wenn ich nur wüsste...", die Sie an dieser Stelle einsehen können:

https://haema-cbf.charite.de/fuer_patienten/psychoonkologie/service/leitfaden_wenn_ich_nur_wuesste_fuer_unsere_patienten_und_deren_angehoerige/

Quellen:

  • Brockhausen (2016) Schöner streiten: Der kleine Paarberater, Kösel-Verlag
  • Mehnert, Braack, Vehling (2011) Sinnorientierte Interventionen in der Psychoonkologie, Psychotherapeut
  • Schröder, Hahlweg (2014) Therapie mit Paaren, in Hiller, Sulz (Hrsg.) Lehrbuch der Psychotherapie – Band 3: Verhaltenstherapie, CIP-Medien
  • Zimmermann, Heinrichs (2008) Seite an Seite – eine gynäkologische Krebserkrankung in der Partnerschaft gemeinsam bewältigen, Hogrefe
  • Krebsinformationsdienst, www.krebsinformationsdienst.de
  • Deutsche Krebshilfe: Broschüre „Hilfe für Angehörige“

Hier können Sie die Broschüre als pdf herunterladen: https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/042_0037.pdf

Hier können Sie die Broschüre als pdf herunterladen: https://www.krebshilfe.net/uploads/tx_brochure/Angehoerige_und_Krebs___2015.pdf

  • Bayerische Krebsgesellschaft: Broschüre: „Angehörige“

Hier können Sie die Broschüre als pdf herunterladen: http://www.bayerische-krebsgesellschaft.de/index.php?ratgeber